Einsamkeit

Amerikanische Forscher sind alarmiert durch die Prognosen der Statistiker: Im Jahr 2010 werden in den USA 40 Prozent mehr Menschen allein leben als 1980, darunter vor allem Ältere. In Deutschland ist dieser Trend sogar schon weiter fortgeschritten - die Zahl der Single-Haushalte hat sich in den vergangenen 30 Jahren mehr als verdoppelt. Alleinlebende, Alleinstehende und jene mit einem schwachen sozialen Netzwerk haben im Durchschnitt mehr Gesundheitsprobleme und eine geringere Lebenserwartung als andere. "Wir vermuten, dass Einsamkeit dabei eine wichtige Rolle spielt", so John C., Leiter des Chicagoer Projekts "Soziale Isolation, Einsamkeit, Gesundheit und der Alterungsprozess". Er wagt eine Definition: "Einsamkeit spiegelt wider, wie ein Mensch seine soziale Situation empfindet - wie isoliert oder innerlich abgetrennt von der Welt er sich fühlt." Aus der Verknüpfung von Tierversuchen, der genauen Beobachtung von 240 älteren Menschen und der Analyse umfangreicher soziodemographischer Daten soll in Chicago von der genetischen Ebene bis zur Rolle von Familie und Nachbarschaft ein differenziertes Bild der Einsamkeit entstehen: Welche Bedeutung hat die Lebenssituation, welche die Persönlichkeit? Wie geht das Gefühl unter die Haut und verändert Hormon-, Nerven- und Immunsystem? Gefragt danach, was sie glücklich macht, nennen die meisten Menschen hierzulande nach der Gesundheit eine erfüllte Partnerschaft, Familie und Menschen, von denen sie geliebt werden, gefolgt von einem Lebenssinn. Entsprechend schmerzhaft ist es deshalb, wenn das Bedürfnis nach Verbundenheit ungestillt ist und das Alleinsein ungewollt. "Isolationshaft und Verbannung gelten nicht umsonst in vielen Kulturen als schlimmste Strafe. Und selbst wer physisch unter Menschen ist, kann sich ähnlich ausgestoßen, abgetrennt und wertlos empfinden." Nicht nur die Psyche reagiert, sondern - untrennbar mit ihr verknüpft - der gesamte Organismus: Säuglinge drohen ohne enge Bindung an andere körperlich und seelisch zu verkümmern; einsame Erwachsene leiden unter Erschöpfung, Magenbeschwerden, Kopfschmerzen und Herzproblemen. Sie entwickeln Depressionen und sind besonders stark suizidgefährdet. Die wenigen Langzeitbeobachtungen, die es zur Einsamkeit beim Menschen gibt, erstrecken sich über kaum mehr als ein Jahrzehnt. Zahlreiche Querschnitte durch verschiedene Altersgruppen zeigen allerdings, dass Einsamkeit ein drohender Schatten über allen Lebensphasen ist. Unweigerlich taucht er auf, wenn wichtige Verbindungen abreißen: etwa durch Umzug, Trennung oder Tod. Manchen aber ist er ein ständiger Begleiter. Ein Grundton wird schon in den ersten Lebensjahren gelegt, wie Studien zur Bindungstheorie nahe legen. Ihr Begründer, der britische Psychiater John B., postulierte bereits in den 1960er Jahren die fundamentale Bedeutung der Bindung zwischen dem Kleinkind und seiner Mutter oder einer anderen wichtigen Bezugsperson: Sie schafft eine sichere Basis, von der aus das Kind die Welt erkunden kann - ansonsten wäre es verunsichert, in permanenter Angst, verlassen zu werden. Einer der derzeit wichtigsten Ansätze, die "Bindungsstile" Erwachsener zu kategorisieren, stammt von der Psychologin Kim B. Sie unterscheidet vier Typen, deren Steckbriefe ungefähr so lauten könnten: Sicherer Typ: hat keine Probleme, enge Bindungen einzugehen, auf andere angewiesen oder für andere da zu sein. Ängstigt sich aber auch nicht davor, ohne Partner zu sein, oder nicht akzeptiert zu werden. Er trägt das geringste Einsamkeitsrisiko. Anklammernder Typ: leidet ohne feste Beziehung; möchte sich mit anderen eins fühlen, gewinnt jedoch den Eindruck, dass andere sein Bedürfnis nach Nähe nicht gleichermaßen teilen. Sorgt sich, nicht genug geschätzt zu werden. Ängstlicher Typ: wünscht sich enge Bindungen, findet es aber schwierig, anderen zu vertrauen oder abhängig zu sein. Aus Angst, verletzt werden zu können, lässt er niemanden wirklich nah an sich heran. Von Einsamkeit ist er am häufigsten bedroht. Abweisender Typ: fühlt sich ohne enge Beziehungen wohl und verneint das Bedürfnis nach Nähe. Will auf niemanden angewiesen sein und möchte auch nicht, dass andere von ihm abhängen. Der abweisende Typ zeigt nur ein mittleres Einsamkeitsrisiko, obwohl er Bindungen meidet: Weil er schon früh Ablehnung und emotionale Kälte erfahren hat, so die Bindungstheorie, zieht er sich von Menschen zurück und wendet sich lieber Dingen zu. Daher hat er vermutlich von allen Bindungstypen die geringsten Probleme, sehr viel Zeit mit sich alleine zu verbringen. Die Enthebung von der Zeit und sozialen Kontakten kann aber auch bereichernd sein. Das zeigen sogenannte "Isolationsexperimente" des Max-Plank-Instituts für Verhaltensphysiologie in Andechs. Für mehrere Wochen lebten Freiwillige jeweils allein in ein Zimmer gesperrt: nur mit künstlichem Licht, ohne Radio, Fernsehen oder Telefon. Einziger Kontakt zur Außenwelt waren Briefe. Sie durften für diese Zeit vom Klavier bis zum Heimtrainer mitbringen, was sie wollten; konnten lesen, arbeiten, kochen. Ziel war es, die chronobiologischen Rhythmen des menschlichen Organismus in einer zeitfreien Umgebung zu beobachten - doch die Experimente gaben auch bemerkenswerte Einblicke in das Alleinsein. "Am Anfang stand bei allen die Frage: Halte ich das durch", berichtet Jürgen Z., der die Versuche geleitet hat. "Anschließend sagten 80 Prozent, sie würden gerne wiederkommen." Vor allem der Wegfall äußerer Reize wurde als extrem positiv empfunden: Literatur, Musik, Träume waren viel intensiver. "Die Konzentration und Intensität war verblüffend", so Z. "Man merkt erst dann, wie viel durch die Reizüberflutung im Alltag untergeht." Entscheidend war, dass alle die Möglichkeit hatten, abzubrechen. Anschließend brauchten die Testpersonen eine Woche, um sich wieder an den Alltag zu gewöhnen - doch auch später zeigten Persönlichkeitstests, dass sie wesentlich ruhiger und ausgeglichener geworden waren. Allein zu sein fällt besonders Jugendlichen schwer - vor allem am Wochenende, wie amerikanische Wissenschaftler mithilfe aufwendiger Messungen festgestellt haben. Dass sie "einsam" seien, erklärten mehr als 20 Prozent der 12- bis 16-Jährigen in einer großen Befragung in den USA, Australien und Irland. Bei 20-Jährigen waren die Einsamkeitswerte dagegen deutlich niedriger. Die Pubertät birgt möglicherweise das größte "Einsamkeitsrisiko": wenn der Drang nach neuen Bindungen wächst - aber auch der Wunsch nach Autonomie; wenn Gleichaltrige zum wichtigsten Maßstab für den Selbstwert werden - aber auch die eigene Identität noch gefestigt werden muss. Wem es in dieser Zeit nicht gelingt, genügend Freundschaften aufzubauen, die Zugehörigkeit vermitteln, der läuft Gefahr, sich sozial isoliert und einsam zu fühlen. Aber auch, wer auf die Frage nach Lebenssinn und persönlicher Bedeutung keine erfüllenden Antworten findet. Allein in der Anonymität? Nach einer Studie von Walter B. am Deutschen Jugendinstitut zählen allein lebende Singles doppelt so viele Verwandte, zweieinhalbmal so viele Freunde und sechsmal mehr Nachbarn zu ihrem engen persönlichen Kreis als jene, die mit Partner und Familie leben. Dabei zeigt sich allerdings ein eklatanter Geschlechtsunterschied: Zwar sind deutlich mehr Frauen als Männer ohne Partner, aber sie sind zufriedener mit ihrem Leben und haben größere soziale Netzwerke. "Von den Frauen sind viele sehr gut ausgebildet", so B. "Bei Männern dominieren dagegen die weniger erfolgreichen am unteren Ende der sozialen Leiter." Einsame können in einer Partnerschaft leben, das Gefühl aber bleibt. Experten unterscheiden deshalb häufig zwischen "vorübergehender" und "chronischer" Einsamkeit oder einem "einsamen Wesenszug". Tatsächlich sehen auch chronisch Einsame die Ursache für ihr Leiden weniger in unbefriedigenden Beziehungen oder anderen äußeren Umständen - als in sich selbst. Einsame unterscheiden sich von Nichteinsamen weder in körperlicher Attraktivität, Gewicht, Größe, noch in Ausbildung oder Studienleistung. Sie haben gleich viele soziale Kontakte, aber ein Drittel weniger Freunde und sind vor allem ängstliche und anklammernde Bindungstypen. Sie denken oftmals schlecht von sich selbst und haben ein niedrigeres Selbstwertgefühl: Chronisch Einsame erwarten, dass andere Menschen sie ähnlich negativ einschätzen wie sie sich selber - was allerdings anfangs oft gar nicht der Fall ist. Weil sie innerlich schon mit Ablehnung rechnen, begegnen sie der Außenwelt mit mehr Misstrauen und haben weniger Interesse, neue Bekanntschaften noch einmal wieder zu sehen. Oft meiden extrem Einsame in Gesprächen persönliche Themen und bleiben auf Distanz - oder aber sie verfallen ins andere Extrem. Ein klassisches Beispiel ist das "Eisenbahnphänomen": Wer auf der Strecke Hamburg-Berlin einem Fremden sein ganzes Leben erzählt, hat ein immenses Bedürfnis, sein inneres Abgetrenntsein zu überwinden - zeigt aber kein Gespür für die soziale Situation und die Bedürfnisse des anderen. Chronisch Einsame verlieren das rechte Maß im Feingefüge menschlicher Beziehungen. So geraten sie in einen Teufelskreis: Die Umwelt zieht sich wirklich von ihnen zurück; sie fühlen sich in ihrem negativen Bild von sich und der Welt bestätigt und geben die Hoffnung auf, jemals etwas daran ändern zu können. Aus der inneren Isolation wird auch eine äußere. Eine in den 1960er Jahren angelegte Längsschnittuntersuchung über neun Jahre gilt bis heute als Klassiker: Die "Alameda County"-Studie der Amerikanerin Lisa B. ergab, dass Menschen ohne Partner, Freunde und ohne Ehrenamt ein dreifach erhöhtes Sterberisiko hatten - verglich man sie mit jenen mit den meisten sozialen Beziehungen. Und zwar unabhängig von anderen denkbaren Einflussfaktoren wie etwa Einkommen, Übergewicht, körperlicher Betätigung, Rauchen oder Alkoholkonsum. Seither wurde der Zusammenhang zwischen sozialen Netzen und Gesundheit von der Epidemiologie vielfach bestätigt. Auch die Bedeutung der Ehe wurde dabei analysiert: Vergleicht man etwa Ledige mit Verheirateten, ist das Sterberisiko bei unverheirateten Frauen um 50, bei Männern gar um 250 Prozent erhöht. Die Erklärungen dieser Unterschiede reichen von der Bedeutung emotionaler Unterstützung über Hilfe bei praktischen Dingen und gesündere Lebensweise bis zur Sexualität.  John C. sucht nach subtilen Unterschieden in den biologischen Abläufen von Einsamen und Nichteinsamen. Auf einige ist er schon in früheren Studien gestoßen. So mussten knapp 100 Studenten in Ohio für ihn Rechenaufgaben lösen und kleine Vorträge halten. Oberflächlich reagierte ihr Blutdruck gleichermaßen auf den Stress - der kam aber anders zustande: Die zuvor als nicht einsam analysierten Personen hatten ein höheres Schlagvolumen, Einsame dagegen einen höheren Gefäßwiderstand. Die Werte passen zu zwei verschiedenen Reaktionen, mit denen der Organismus auf Stress antwortet: einer aktiven, die den Körper zu Kampf oder Flucht mobilisiert - und einer passiven, die ihn erstarren lässt. "Ich vermute, dass Einsame schneller innerlich erstarren, weil sie ihr Leben eher als Bedrohung und nicht als Herausforderung empfinden, und zwar permanent", so C. "Denken Sie nur an Menschen in sozialen Situationen, die ihnen Angst machen. Sie stehen außerhalb der Gruppe, sind wie gelähmt und sprechen mit niemandem. Sie machen sich lieber unsichtbar, als dass sie Gefahr laufen, sich bloßzustellen." Bislang aber könne er nur spekulieren, schränkt C. vorsichtig ein. Während die innere Erstarrung langfristig zu erhöhtem Blutdruck führen könnte, hat C. auch Indizien dafür gefunden, dass bei Einsamen restaurative Funktionen gestört sind. So konnte er zeigen, dass bei ihnen bestimmte entzündungshemmende Immunwerte deutlich niedriger waren als bei Nichteinsamen. "Vereinsamung" wird oft als Millionenschicksal alter Menschen wahrgenommen: verwitwet, gebrechlich und zunehmend isoliert in der "individualisierten Gesellschaft". Einsamkeitsforscher jedoch entkräften solche Vorstellungen: "Viele Alte haben zwar weniger soziale Kontakte als die Jungen - empfinden aber auch das Alleinsein als weniger belastend. Wir dürfen deshalb nicht automatisch annehmen, dass sie generell einsamer sind", so Daniel R., der zur Zeit eine Langzeitstudie unter alten Menschen im US-Bundesstaat Iowa durchführt. Wie die repräsentative Befragung von 516 Berlinern im Alter von 70 bis 103 Jahren, die Hälfte davon allein lebend, zeigte, fühlten sich von denen, die Kinder haben, 75 Prozent diesen emotional sehr eng verbunden, 31 Prozent auch ihren Enkeln. Unter den Verwitweten war die Nähe zur Familie noch ausgeprägter. Familienforscher überraschen solche Ergebnisse nicht: Sie registrieren eine hohe Konstanz der Beziehungen zwischen den Generationen - und keineswegs einen Verfall.

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